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23 Mai

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3. Leadership Talk zum Thema: „Verantwortungsgestaltung in dörflichen Gemeinschaften.“

23. Mai 2018 | By |

Unsere dritte Leadership Begegnung führte Mitglieder und Interessenten von Leadership Brandenburg-Netzwerk Verantwortung e. V. zu den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr in Kloster Lehnin. Neben den Führungskräften der Ortswehr Robert Lehmann, Denny Back, Kevin Strehlau und Peter Kamolz, waren auch der (fast) oberste Dienstherr der Feuerwehr, der stellvertretende Bürgermeister von Kloster Lehnin, Herr Satzky, anwesend, ebenso wie Markus Klein, Geschäftsführer von demos – Brandenburger Institut für Gemeinwesenberatung, und Ingo Bröcker, Leiter des Projekts „Ohne Blaulicht“ des Landesfeuerwehrverbands. Sie alle boten ganz unterschiedliche Perspektiven auf das Ehrenamt der Feuerwehr und dessen gesellschaftliche Bedeutung in ländlichen Gemeinschaften.

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In unserem Alltag gibt es ein paar wenige Dinge, die nicht nur selbstverständlich, sondern absolut verbindlich und unverrückbar sind. Zwei davon verbergen sich hinter den Nummern 110 und 112. Wenn man diese Nummern anruft, ist man sich sicher, Hilfe zu bekommen. Die Tatsache, dass bei der Nummer 112 auf dem Land und in kleineren Gemeinden dann Menschen in den Einsatz gerufen werden, die gerade eben noch an der Werkbank standen, einen Kunden betreuten oder mit ihren Familien zu Mittag aßen, ist den wenigsten bewusst. Die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr kommen auch, beziehungsweise gerade dann, wenn andere Hilfe nicht mehr greift. Sie tun dies zusätzlich zu ihrem normalen Alltag, ihrem Arbeitsleben, ihrem Familienleben – in ihrer Freizeit. Wenn sie zu einem Einsatz losfahren, dann wissen sie nicht, was sie vor Ort erwarten wird. Wird es darum gehen, die berühmte Katze vom Baum zu holen? Menschen aus Häusern, auf dem Eis, auf dem Wasser oder auf der Straße zu retten? Brände im Haus oder im Wald zu löschen? Umgestürzte Bäume von Straßen zu schneiden oder ausgelaufene giftige Flüssigkeiten zu beseitigen? Die Vielseitigkeit der dann zur Verfügung stehenden Möglichkeiten für eine Lösung des Notfalls wird bestimmt von der Ausstattung der jeweiligen Ortswehr. In Kloster Lehnin konnten wir dafür eine rote, fahrbare Allround-Werkstatt bestaunen mit einer beeindruckenden Zusammenstellung an technischem Gerät in nur einem Einsatzfahrzeug.

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Dabei ist die Ausrüstung, mit denen die Kameraden zu den unterschiedlichsten Einsätzen gerufen werden, von Kommune zu Kommune sehr unterschiedlich. Je nach Anforderung und finanziellen Möglichkeiten des Trägers werden technische Geräte, die individuelle Ausrüstung der Feuerwehrmänner und die Gebäude ausgestattet. Wenn man bedenkt, dass alleine die Schuhe eines Feuerwehrmanns ca. dreihundert Euro kosten, kann man erahnen, was das schnell für Größenordnungen bei Feuerwehrautos und Geräten für besondere Einsätze werden können. Wenn dann – wie schon häufiger geschehen – Gerätschaften teilweise während eines Einsatzes gestohlen werden, dann ist das nicht nur ärgerlich, sondern im Zweifel bei dem nächsten Einsatz das schmerzlich fehlende, weil eigentlich rettende Werkzeug.

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Man sollte für die Feuerwehr buchstäblich brennen oder „eine Feuerwehr-Macke“ haben, wie drei unserer Gesprächspartner meinten. Sonst würde man die vielen Jahre und die manchmal damit verbundenen Herausforderungen nicht durchhalten. Feuerwehrkräfte müssen sich viele Fähigkeiten aneignen und dann regelmäßig pflegen. Die Kameraden sind dabei Experten und Spezialisten auf den unterschiedlichsten Gebieten. Darüber hinaus müssen sie alle körperlich in der Lage sein, ihre 25 Kilo schwere Ausrüstung zuzüglich ebenso schweren Maschinen oder Werkzeugen teilweise über Stunden zu tragen und zu handhaben. Bei der relativ kleinen Ortswehr von nur 29 aktiven Mitgliedern ist die geballte Sammlung von Fähigkeiten erstaunlich! Ca. 100 Einsätze bewältigen die Kameraden jährlich.

Die Freiwillige Feuerwehr übernimmt aber noch weitere Aufgaben auch über die Rettungseinsätze hinaus. Zum Beispiel bereiten sie Osterfeuer vor und sichern sie. Außerdem unterstützen sie Dorffeste und andere Vereine. Im gesellschaftlichen Leben, insbesondere dem der ländlichen Gemeinden, spielen sie daher eine zentrale Rolle.

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Eine Würdigung ihres Beitrags erhalten sie von den Nutznießern – den Mitbürgern – die nicht aus ihrem direkten Umfeld stammen, eher selten. Schließlich ist es ja selbstverständlich, dass die Feuerwehr kommt und hilft, wenn man sie ruft. Leider häufen sich auch Vorkommnisse, bei denen die Feuerwehrleute bei ihrer Arbeit behindert werden, mit Gleichgültigkeit und wenig Respekt behandelt oder sogar beschimpft werden. Wenn man bedenkt, dass dieser ehrenamtliche Einsatz bitterer Ernst ist mit einer völlig anderen Tragweite als der Einsatz z.B. in einem Sportverein bedeutet und im Extremfall mit dem Leben der Einsatzkräfte bezahlt wird, dann ist gerade diese Haltung von Mitbürgern schlicht verantwortungslos.

IMG_2589Im Laufe unseres Gesprächs erhielten wir also sehr tiefgehende und spannende Einblicke in die Arbeit und die Hintergründe der Kameraden der Wehr von Kloster Lehnin. Es drängten sich dann die Fragen danach auf, wie die Arbeit der Ehrenamtler unterstützt werden könnte. Einige Aspekte konnten wir diskutieren und herausfiltern. Zum einen fehlt es manchmal auf Seiten der Arbeitgeber an Verständnis für Abwesenheitszeiten aufgrund von Einsätzen oder Trainingszeiten – was jedoch z.B. angesichts der Produktionsausfälle auch wiederum verständlich ist. Ein zweiter Punkt war die Information der Mitbürger. Wie kann man die Gemeindemitglieder über die lohnende Mitarbeit bei der Feuerwehr informieren und gerade auch Erwachsene zum Mitmachen anregen? Ein möglicher Weg geht über die Kinder. Die begeisternde Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen führt manchmal dazu, dass die Eltern ebenfalls aktiv werden oder die Kleinen selbst auch nach der Pubertät der Feuerwehr treu bleiben. Hier lohnt sich die Investition auf jeden Fall und jede Unterstützung ist hilfreich. Aber auch in den Schulen könnte man mehr und konkreter über die Arbeit der Feuerwehr aufklären und so schon früh den verdienten und für eine gute Arbeit einfach auch notwendigen Respekt vermitteln. Als dritte Möglichkeit bietet sich die passive (oder natürlich auch bedingt aktive) Unterstützung in Form einer Mitgliedschaft. Viele Feuerwehren haben einen angeschlossenen Förderverein und freuen sich über jedes Mitglied und dessen finanziellen Beitrag.

Im Nachgang unseres Abends ergab sich außerdem eine Möglichkeit die Welt der Freiwilligen Feuerwehr aus Theatersicht zu erleben. Am 26.05.2018 wird in Paretz zur Eröffnung des Brandenburger Festivals „Land in Sicht“ das Stück „Die Feuerwehr ist da“ gezeigt. Hier können Sie dafür Plätze reservieren.

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Dieser Abend hat bei den Teilnehmenden die Welt des Ehrenamts auf ländlicher Ebene auf eine sehr spannende und beeindruckende Weise mit Leben gefüllt. Die meisten haben zum ersten Mal erfahren, was hier wenige Menschen für die Gemeinschaft leisten und wie genau dabei deren Realität aussieht. Auf jeden Fall sind wir nun für ein Ehrenamt sensibilisiert, das bis dahin als Selbstverständlichkeit eher selten hinterfragt wurde. Einige konkrete Ansatzpunkte für die Verbesserung der Wahrnehmung konnten wir herausarbeiten und der Umgang mit Feuerwehrleuten in den eigenen Reihen der Arbeitsbereiche unserer Teilnehmenden wird nach diesem Abend sicher nicht mehr gleichgültig sein.

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